Leseprobe

Leseprobe Völkerverständigung

(Vorankündigung: Leseprobe aus „AusWEGE ins Glück“ -Heitere und besinnliche Geschichten-)
 

Wer kennt sie nicht, die magische Anziehungskraft einer Handtaschenabteilung in dem Kaufhaus unseres Vertrauens? Ich schlendere an ihr vorbei, sie nur mit einem scheinbar gelangweilten Blick streifend, um dann nach einer kleinen bis mittelgroßen Runde ein zweites Mal an ihr, der Handtaschenabteilung, vorbeizudefilieren. Ich schaue mich gehetzt um, wie eine Bankräuberin, auf der Flucht vor meinem eigenen Schweinehund, um mich Minuten später kopfüber in die Regale zu stürzen, die  zuhauf mit Gegenständen meiner Begierden bestückt sind. Ich sauge den einzigartigen Duft dieser Exemplare ein und fühle mich urplötzlich wie im 7. Himmel.

Welch eine Schönheit von verschiedenen Farben, Größen und Formen, so viele Fächer im Inneren dieser Gewerke, wer hat sich diese Kunst ausgedacht? Unsere weiblichen Vorfahren sicherlich, als sie die ersten Behältnisse aus Tierfellen für ihre Sammlungen von Blättern und Früchten fertigten. Solche Gefühle können nur in jeder einzelnen weiblichen Körperzelle seit Jahrtausenden verankert sein.

Neben mir und ebenso berauscht, eine Mutter mit ihrer Tochter, der Sprache nach zu urteilen sicherlich aus Polen, eine Dame, vermutlich aus Afrika und zwei Freundinnen bekopftucht aus der Türkei. Wir alle, unabhängig von Herkunft und Hautfarbe haben nur ein Ziel :  den Erwerb einer wunderschönen, einzigartigen und bezahlbaren Handtasche !!!

Ich habe schon eine Favoritin im Auge. Eine Shopperhandtasche aus zweifarbigem Leder mit langen Schulterriemen, zwei Innentaschen mit Reißverschlüssen und Handyfach. Vor dem Spiegel, die Tasche über meiner Schulter baumelnd, fühle ich mich, wie eine in die Jahre gekommene Claudia Schiffer auf dem Catwalk. Plötzlich gewinnt um mich herum die Suche und Beherrschtheit der übrigen Damen eine Dynamik, die nicht mehr mit normalen Maßstäben gemessen werden kann. Ebenso die Lautstärke, mit der sich irrwitziger weise um eine einzige Tasche gestritten wird. Was ist denn jetzt passiert? Die Regale sind doch voll mit den Schönsten der Schönen…

Kurzfristig stelle ich meine Lieblingstasche auf eine nahestehende Ablage, um den Streit um mich herum zu schlichten, zeige auf ähnliche Modelle und mache den Damen klar, dass es genug Taschen für uns alle gibt. Ich preise Farben und Ausführungen an, als ginge es um mein Leben und meine Provision in diesem Kaufhaus. Dabei muss erwähnt werden, dass sich in der ganzen Zeit keine einzige Verkäuferin hat blicken lassen. Typisch für deutsche Kaufhäuser gemäß dem Motto : Kunde droht mit Auftrag! Aber, ich liebe nun einmal die Harmonie beim Einkauf und bin der Meinung, wir Frauen müssen zusammenhalten, egal wie und egal wo.

Mein ruhiges Engagement zeigt seine Wirkung. Die Damen entspannen sich und entscheiden sich für das eine oder andere Exemplar, ohne sich die Haare zu raufen und drehen sich mit Begeisterung vor den Spiegeln. Ich atme erleichtert auf und spreche innerlich ein Hoch auf unsere Völkerverständigung aus.

Ja, wir Frauen, egal welcher Nationalität, uns schweißt die gemeinsame Begeisterung für Handtaschen zusammen, wir wissen worauf es ankommt, was andere Frauen wünschen, wir stehen zueinander, auch wenn es einmal brenzlig wird !

In meiner Begeisterung über mich selber schwelgend, drehe ich mich zu meiner zweifarbigen Favoritin um und stelle fest, dass sie verschwunden ist. Gähnende Leere dort, wo vorher mein liebevoll ausgesuchtes und für gut befundenes Objekt der Begierde stand. Hektisch suchend lasse ich meinen Blick schweifen und bekomme noch so gerade aus den Augenwinkeln mit, wie eine Dame an der Kasse ihre Geldbörse zückt, um „meine“ Tasche zu bezahlen. Ich schätze die Entfernung ab ob es Sinn macht, mit einem Sprint den Einkauf zu verhindern, bin aber zum Glück noch genug Herrin meiner Sinne, um mich nicht komplett lächerlich zu machen. Kurz darauf ist die neue Besitzerin meiner Fast-Handtasche auch schon mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen und einer fest an ihrer Brust gepressten Tragetüte aus meinem Blickfeld entschwunden.

Im ersten Moment bin ich versucht, Absicht und Hinterlist hinter der ganzen Aktion zu vermuten, erinnere mich jedoch nach eingehender Überlegung an ihren verzückten Gesichtsausdruck und ja doch, Verständnis wallt als warmes Gefühl in mir auf. Trotzdem muss ich jetzt erst einmal bei einer Tasse Kaffee und einem dicken Stück Sahnetorte meine Wunden lecken und gründlich das Klischee „Frauen und Handtaschen“ psychologisch durchleuchten. Ich glaube, es lohnt sich !!!

Renate Rothe